Es ist der 12. Juli, als ich Abends in meiner linken Brust ein golfballgroßes Ei fühle. Drei Tage später, am 15. Juli, bekomme ich die Diagnose Brustkrebs und werde damit ins Wochenende gelassen. Alles verschwindet in einem dichten Nebel. Ich bin 26 Jahre alt und habe Brustkrebs. Das, was hier gerade passiert, passiert nicht mir. Das ist nicht mein Leben. Es folgen tägliche Arztbesuche. Aufklärung, Untersuchungen, die erste OP. Eine Woche später beginnt die Chemotherapie. „Das ist das Zeug, welches dafür verantwortlich ist, dass mir die Haare ausgehen.“, denke ich. Jetzt gibt es kein zurück. Es geht alles so schnell.
Ich arbeite seit sechs Jahren als freie Make-up Artist in Hamburg. Menschen gut aussehen zu lassen, ist mein Job. Es geht um Schönheit, einen makellosen Teint, volles Haar, dichte Augenbrauen und lange Wimpern. Ich weiß was auf mich zukommt und schaue dem Ganzen aufgeschlossen entgegen. Dann trage ich eben Perücken, habe ich vorher auf Partys ja auch zum Teil schon gemacht. Schminken kann ich auch, das wird schon nicht so schlimm – denke ich.
Doch der Moment, in dem es los geht, man sich mit den Fingern durch die Haare fährt und auf einmal einen Büschel in der Hand hält, ohne gemerkt zu haben, dass man sich das Haar „herausgezogen“ hat, kommt viel zu plötzlich und schmerzt. Am selben Abend nehme ich den Rasierer in die Hand, setze mich vor den Spiegel auf den Flur und fange an mir eine Glatze zu rasieren. Mein Freund hält das Ganze auf Foto und Video fest. Ein krasser Moment. Ein sehr interessanter Moment. Irgendwie befreiend. Es macht sogar Spaß! Frei nach dem Motto „Jetzt ist es eh egal“ rasiere ich erst Zeichen in die kurzen Seiten, dann einen Iro, dann ist alles weg. Alles bis auf die dunkelbraune Farbe auf meiner Kopfhaut. Natürlich musste ich vorher noch mal alle Haarfarben ausprobieren und die letzte Farbe war ein dunkelbraun, eine Woche vor der Rasur und diese ist nun fleckenweise auf meiner Kopfhaut zu sehen.
Bereits drei Wochen vorher, sagte mir eine Freundin, ich könne ja die Haare die ich für Shootings nutze einfach an eine Mütze nähen und tragen. Stimmt! So eine Mütze hatte ich sogar schon mal vor Jahren. Allerdings mit Kunsthaar. Das Ganze mit Echthaar zu machen, wäre vielleicht eine gute Alternative zur Perücke. Also bastelte, recherchierte und nähte ich in den folgenden Wochen, immer wenn es mir gut ging, denn ich war ja mitten in der Chemotherapie, bis ich schließlich das „Echthaarband“ soweit hatte, wie es nun auch zu kaufen ist. Nach Maß angefertigt, angenehm zu tragen und individuell anpassbar. Dazu gibt’s diverse Stylingmöglichkeiten, da man mit dem Haar alles machen kann, was man auch mit seinem eigenen Haar macht.
Da ich die „Echthaarbänder“ bereits von Anfang an trage, habe ich mich gegen eine Perücke entschieden. Warum soll ich viel Geld für ein total unflexibles Produkt aus Kunsthaar bezahlen, bei dem ich erstens das Gefühl habe einen Helm auf zu haben und zweitens sieht man sehr oft einer Perücke an, dass es eine Perücke ist. Natürlich ist das Geschmackssache und es gibt auch sehr gute Perücken. Für mich persönlich, kam das jedoch nicht in Frage.
Selbst Freunde haben zum Teil vergessen, dass ich nicht meine echten Haare trug wenn wir unterwegs waren. Den Test endgültig bestanden hatten die Echthaarbänder, als ich zur zweiten Chemo mit langen, blonden Haaren kam. Die Ärztin welche mich „anschloss“ und schon drei Wochen vorher gesehen hatte, fragte mich nach kurzer Zeit irritiert: „Frau Sieckmann, sind Ihnen noch gar nicht die Haare ausgegangen?“ Drei Wochen vorher trug ich meine zu dem Zeitpunkt schwarzen kurzen Haare.
Zum Mut machen und Angst nehmen.


