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Bewusstsein & Achtsamkeit Gedanken & Leben

Mit der Angst reden

Dezember 8, 2018

Als ich meine erste Nachsorge Untersuchung hatte, Ende November 2012, ging ich mit gemischten Gefühlen in die Praxis, in der ich 1,5 Jahre zuvor die Diagnose Brustkrebs bekam. Auf der einen Seite war ich mir sicher das alles gut ist. Auf der anderen…. vielleicht doch nicht? Wieder komplett durchgecheckt zu werden durch Ultraschall und Mammographie löste erheblichen Stress aus. Nicht, dass ich es nicht gewohnt war untersucht zu werden (was in dem Jahr zum Teil täglich passierte), wenn jedoch gezielt nach etwas gesucht wird, könnte ja eventuell auch was gefunden werden.

Die Praxis in der ich war ist nicht für ihren sensiblen Umgang mit den Patienten bekannt. Soviel gleich einmal vorweg. Noch bevor die Ärztin mich sah, sagte man mir, dass auf jeden Fall noch mal ein MRT gemacht werden soll. Zur Sicherheit. Nach der ersten Mammografie, ich wartete noch Oberkörper frei in der Umzugskabine, sagt man mir, es müsse noch eine Aufnahme gemacht werden. Das Ergebnis sei nicht eindeutig. Ich fühlte mich plötzlich 1,5 Jahre zurück geworfen. Nach dem Ultraschall dann der Satz “Mit der anderen Brut ist was nicht in Ordnung. Das Gewebe hat sich verändert zu vor 1,5 Jahren”.

Ärzte sollten endlich anfangen auf ihre Wortwahl zu achten. Auf der einen Seite dachte ich “Na klar hat es das. Nach der Chemo, den OPs, nach 1,5 Jahren… 15 Kilo rauf und runter und vor allem, dadurch, dass ich die Pille nicht mehr nehme.” Letzteres führt seit dem meine Menstruation wieder eingesetzt hat dazu, dass ich ca. 1,5 Wochen vor dieser mäßiges bis starkes Brustspannen habe. Etwas, dass viele Frauen kennen und was ganz normal ist. Auf der anderen Seite sind die Worte einer Ärztin die einem sagt, dass etwas nicht in Ordnung sei, Besorgniserregend. Das MRT welches für Klarheit sorgen sollte, war erst eine Woche später und ich war wieder voll in meinem alten Film und in der Angst.

Montag bis Mittwoch hatte ich einen Job als Make-up Artist. Donnerstag sollte das MRT gemacht werden. In ruhigen Momenten versuchte ich meine innere Stimme wieder zu finden. Und ganz leise sagte etwas in mir “Es ist alles in Ordnung”. So wie ich bei der Diagnose wusste, dass es das nicht war, so wusste ich tief in mir, dass es das nun war. Doch, was ist schon die eigene innere Stimme gegen die einer Ärztin?

Während der Shootings schweiften meine Gedanken immer wieder ab und es viel mir schwer mich voll und ganz auf die Arbeit zu konzentrieren. Gegen späten Nachmittag hielt ich es kaum noch aus. Mein Gedanken Karussell aus Angst war am rotieren und schien unaufhaltbar. Ich setzte mich an die Seite, wo ich das Shooting immer noch im Auge hatte, und begann mit etwas, dass ich einmal von Robert Betz gehört habe. Jedes Gefühl, so unangenehm es auch ist, möchte angenommen und gefühlt werden. Erst dann kann es gehen. Also fing ich an, in Gedanken mit meiner Angst zu reden. Dabei kam ich mir ziemlich blöd vor. Aber glücklicherweise konnte ja niemand hören was ich dachte.

“Hallo liebe Angst. Ja, ich spüre dich. Seit Tagen schon sehr intensiv. Danke, dass du da bist. Aber es wäre toll, wenn du jetzt gehen könntest, da ich mich hier jetzt auf meine Arbeit konzentrieren muss und es wäre wunderbar wenn ich ein paar Minuten durchatmen könnte. Es ist vollkommen egal, was am Donnerstag bei dem MRT raus kommt. Denn ich entscheide mich für das Leben! Ich will leben!”. Direkt danach passierte etwas, womit ich niemals gerechnet hätte. Plötzlich kam mir ein Bild in den Kopf, von einer großen Gestallt, welche die Angst in Form eines kleinen, schattigen Kindes an die Hand nahm und davon führte. Zusammen mit den Worten “Komm. Nun lassen wir Julia mal in Ruhe und gehen zu jemand anderen.”. Im nächsten Moment war die Angst verschwunden und ich konnte wieder aufatmen. Es setzte eine so befreiende Ruhe ein, dass ich voller Euphorie war und mich wieder voll und ganz auf das Shooting und meine Arbeit konzentrieren konnte.

Das Ergebnis des MRTs fiel gut, also ohne Befund, aus. Natürlich hätte ich ohne diese Ärztin nicht diese magische Erfahrung machen können. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es Zeit wird, dass Ärzte verstehen wie mächtig ihre Worte sind und das man bei gewissen Themen etwas sensibler damit umgehen sollte, da sowohl der Placebo Effekt als auch der Nocebo Effekt beide mittlerweile in diversen Tests bestätigt sind.